Offener Brief an Herrn Bundespräsidenten Christian Wulf durch Herrn Bernhard Lorenz

Offener Brief

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, die letzten drei Wochen Berichterstattung über Sie sind ein Lehrstück für Skandalisierung.

Ein privater, völlig unproblematischer Vorgang wird ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt; die menschlich verständliche Reaktion des Betroffenen dann Stück für Stück problematisiert. Wo nichts war, erscheint dann im öffentlichen Bild eine Summe von Skandalen und Skandälchen. Das ungeschickte Handeln des Betroffenen ist dabei das Eine, die journalistische Gier nach publizistischer Hinrichtung das Andere.  

Niemand glaubt, dass ein Niedersächsischer Ministerpräsident sich durch sein Amt heraus bei der Finanzierung einer Immobilie Vorteile verschafft hat. Sie, sehr geehrter Herr Bundespräsident, hält niemand für bestechlich, schon gar nicht bei konkreten Vorwürfen dieser Art. Zumal ich bei den öffentlich kommunizierten Konditionen Ihres Privatdarlehens meinen Finanzberater hinausgeworfen hätte. Gleiches gilt für die Anschlussfinanzierung zu Euriborkonditionen bei der BW Bank. Das Zinsänderungsrisiko haben Sie durch ein langlaufendes Darlehen aufgefangen.

Ihre heute in den Zeitungen zu lesenden Gespräche mit Angehörigen des Axel Springer Verlags folgen dem gleichen Schema. Dass vertrauliche Gesprächsinhalte offensichtlich gezielt durchgestochen wurden, mutet seltsam an und ist ebenso enttäuschend wie unklug. Da will jemand Skandalisierung am Laufen halten! Mit Pressefreiheit hat dies nichts zu tun, denn auch Ihnen als Bundespräsident steht das Recht zu, Ihre Auffassung zu einer geplanten Berichtserstattung kundzutun. Ob es klug ist, dies auf Band zu hinterlassen, ordne ich in die Kategorie "allzu Menschliches" ein.

Sie haben allerdings nicht die Macht Ihres Staatsamtes genutzt. Es wurden keine Journalisten verhaftet, Ausgaben beschlagnahmt, Redaktionsräume durchsucht oder sonstiger staatlicher Druck ausgeübt. Die Meinungsfreiheit gilt für den Ersten Bürger wie für jeden anderen Bürger in diesem Staat. Vereinzelt soll sogar die sogenannte Vierte Gewalt kritisiert werden dürfen.
 
Die Skandalisierung von, in der Öffentlichkeit wahrgenommenen, Personen schwappt von der großen Berliner Bühne über die landespolitischen Theater bis in die Gemeinden hinunter. In den letzten Jahren mussten wir vor Ort miterleben, dass ehrenamtlich Engagierte wegen Vorgängen ihres Privat- oder Berufslebens öffentlich an den Pranger gestellt wurden.  Und das, obwohl sie keine Personen des öffentlichen Lebens sind und presserechtlich über sie unter Namensnennung nicht berichtet werden darf. Große und kleine Medienkonzerne verlassen sich darauf, dass niemand die Finanzkraft und die Nerven hat, gegen solche, in der Tat skandalöse Berichterstattung vorzugehen. Die Folgen sind landauf, landab zu beobachten: Es ist immer schwieriger, Persönlichkeiten für ein langfristiges Engagement für die Gemeinschaft zu gewinnen.
 
Sehr geehrter Herr Bundespräsident, Ihr Stehvermögen in den nächsten Tagen und Wochen ist aus den Gründen der vorgenannten Absätze für die politische Kultur in unserem Land von großer Bedeutung. Sie werden verstehen, dass ein hessischer Christdemokrat, der Fokussierung und Polarisierung durch politische Persönlichkeiten wie Alfred Dregger, Manfred Kanther und Roland Koch gewöhnt ist, sich schwer tut, sich Ihrem konzilianten und integrativen Politikstil anzuvertrauen. 
 
Doch hier geht es um:
 
  • die Bundesrepublik Deutschland, die nicht schon wieder aus nichtigem Anlass ihr Staatsoberhaupt verlieren darf. 
     
  • das Wahlverfahren für den Bundespräsidenten: Die Bundesversammlung hat Sie, nach einer aufwühlenden Rede des damaligen Hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch, im dritten Wahlgang gewählt. Diesen Wahlleuten sind Sie verpflichtet. Nicht Bildzeitung oder Spiegel entscheiden, wer Bundespräsident ist und bleiben darf.
     
  • die Bundeskanzlerin, die durch den Rücktritt eines zweiten, von ihr vorgeschlagenen Bewerbers desavouiert würde. Und dies in einer Zeit, in der unser Land mehr denn je auf seine kluge und handlungsfähige Kanzlerin Angela Merkel angewiesen ist. 
     
  • die Partei, deren Mitgliedschaft Sie ruhen lassen. Der Sie alles, was Sie geworden sind, zu verdanken haben und für die Sie jetzt stehen müssen.
     
  • Sie selbst, Herr Bundespräsident. Gewinnen Sie durch Stehvermögen in dieser schwierigsten Phase Ihrer Präsidentschaft an Format. Stärken Sie mit Ihrer Persönlichkeit Ihr Amt!
 
In diesem Sinne bitte ich Sie: Übernehmen Sie Verantwortung.
 
 
Ich wünsche Ihnen in den nächsten Tagen und Wochen viel Kraft und Gottes Segen.
 
Mit freundlichen Grüßen
Bernhard Lorenz

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